Startseite | Sitemap | Kontakt


GHK Sternwarte
Lesen Sie hier Oscar's Geschichten

Geschichte kinderleicht und unterhaltsam erzählt


 

Es begann mit den Hugenotten
von Gudrun Petasch

Die Gründung Neu-Isenburgs 1699 durch Graf Johann Philipp von Ysenburg und Büdingen zu Offenbach ist eine Folge der Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes. Mit diesem „Edikt von Fontainebleau“ hatte der französische König Ludwig XIV. im Jahr 1685 einer zunehmend halbherzigen Duldung des – calvinistischen – Protestantismus ein Ende gesetzt. Etwa ein Fünftel aller „Hugenotten“, aus religiösen Gründen überwiegend Angehörige der ökonomischen und bildungsmäßigen Elite Frankreichs, verließen darauf illegal ihr Heimatland und fanden in den protestantischen Nachbarstaaten, vor allem aber bei den absolutistischen Landesherren des durch Krieg und Pest entleerten und wirtschaftlich rückständigen Alten Reiches, dankbare Aufnahme.

Als die Hoffnung des recht mittellosen ysenburgischen Grafen Johann Philipp scheiterte, mit Hilfe international orientierter Manufakturbetreiber und technisch avantgardistischer Handwerker aus Frankreich sein Residenzstädtchen Offenbach zu modernisieren, ließ er sich von einem Teil der Immigranten bewegen, ihnen an der Südgrenze zur Freien und Reichstadt Frankfurt Land zur Ansiedlung zu überlassen und diese Siedlung mit weitreichenden Privilegien auszustatten.

Am 24. Juli 1699 leisteten 34 französische Familienväter im Offenbacher Schloss dem Landesherrn den Treueeid. Im Gründungsprivileg billigte der Gründer der französisch-reformierten Kirchengemeinde und ihrem Konsistorium die weitgehenden lokalen Selbstverwaltungsrechte der reformierten französischen Kirchenordnung zu; in Fragen des Zivilrechts und der guten „Policey“ galt ergänzend das Solmser Landrecht. Im Schutz der weitgehenden ökonomischen und bürgerlichen Freiheiten entwickelte sich das anfänglich geplante Bauerndorf „Ysenburg“, „Welschdorf“ oder „Philippsdorf“ trotz Fluktuation und Armut schnell zu einem regionalen Zentrum der mechanischen Strumpfwirkerei.

Die Neu-Isenburger Wirtschaft atmete im Rhythmus der beiden jährlichen Frankfurter Messen. Die vor allem im Süden Frankreichs hochentwickelte Textilfabrikation wurde in Neu-Isenburg und Umgebung zur Quelle allmählichen Wohlstands und war der Hauptmotor kultureller und religiöser Vermischung. Hier wohnten und arbeiteten Hugenotten und Waldenser, französische und deutsche Reformierte, Lutheraner und später sogar Katholiken; die Schutzjuden der Umgebung trieben Handel mit der Dorfbevölkerung. Jedoch führte das Zusammenleben so unterschiedlicher Gruppen mit noch unterschiedlichen Rechten auch zu massiven Konflikten um Einfluss und Ressourcen, was die Modernisierung der Bevölkerung beförderte.

Die gewerbliche Grundstruktur des Dorfes und die damit verbundene frühe „Verankerung der methodischen Lebensführung“ (Max Weber) in allen Bevölkerungsgruppen hat den großen Aufschwung des Ortes im Zeitalter der Industrialisierung vorbereitet.

<< zurück zur Übersicht