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Geschichte kinderleicht und unterhaltsam erzählt


 

Bansamühle
von Bettina Stuckard

„Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finsteren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.“

Was Goethe da seinen Faust während des Osterspazierganges beobachten läßt, wiederholt sich auch zu unserer Zeit allsonntäglich im Wald um Neu-Isenburg. Zwar gab es um Isenburg nie eine Stadtmauer, so daß auch die Vorstellung eines finsteren Stadttores hinfällig wird, aber verkehrsreiche Straßen erfüllen heute einen ähnlichen Zweck: Kaum sind Friedensallee oder Carl-Ulrich-Straße überquert, läßt es sich ganz angenehm im Wald spazieren. Kiefernduft in der Nase und Kuckucksrufe im Ohr, ist es leicht, das hektische Treiben während der Woche zu vergessen.

Das die Natur der Erholung dient, ist noch keine sehr alte Erkenntnis, bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde die Natur als etwas bedrohliches empfunden, deren Unberechenbarkeit für die Menschen existentielle Nöte mit sich bringen konnte. Erst mit der Aufklärung kam es zu einem veränderten Bewußtsein. Die Stadt wurde al begrenzter Lebensraum erfahren, in dem die Menschen auf engstem Raum miteinander leben mußten und strikten Reglementierungen unterworfen waren.

Die tradierten Normen und Werte legitimierten das Ständesystem und für individuelle Bestrebungen gab es keinen Raum in der bestehenden städtischen Gesellschaftsform. Das änderte sich mit der Französischen Revolution. Rousseaus „Zurück zur Natur“ umfasste zum einen die Natur des Menschen, seine Bedürfnisse, Sehweisen, Gewohnheiten und Menschenrechte (= die ihm von Natur aus zustehenden Rechte) und bezog sich zum anderen auf die natürliche Umgebung außerhalb der Stadt, die Wälder, Wiesen und Gärten miteinschloß. Die Entgrenzung durch die Natur ließ sich somit auf die gesamte Lebenswelt des aufgeklärten Bürgertums anwenden - Gesellschaft, Ökonomie, Kultur, Kunst, Lebensbedingungen - und stand der traditionellen Lebenswelt gegenüber.

Während in Frankfurt also das Leben durch den städtischen Rat bestimmt war, wurde alles, was vor den Stadttoren lag, zur Natur gezählt. Dazu gehörte auch das Dorf Neu-Isenburg. Inmitten von Gemüsegärten und Bleichwiesen, Viehweiden und Wälder zum Holzschlagen gelegen, eignete es sich für das idealisierende Bild der gestalteten Natur. Ob die Isenburger in ihrem Landschaftsgarten besonders harmonische Menschen waren, weil ihnen aus der Beschäftigung in und der Betrachtung aus der freien Natur eine Erkenntnis der Seinsweise erwuchs, sei dahingestellt.

Die freie Entfaltung der Vegetation entsprach der Idee von des neuen Menschenbildes, nach dem sich ein Individuum nach Vermögen und Veranlagung ausbilden können sollte - in einem Rahmen, dessen Ordnung Schutz und nicht zwanghafte Einschränkung bedeutete. Diesen Rahmen sollten die Familie und der ideale Staat gewährleisten. Als Konsequenz davon kam es in der Folge zu einem Rückzug ins Private. Eine Aufteilung der Lebensprozesse wurde vorgenommen, die bei den reichen Frankfurter Familien eine Aufspaltung der Lebenswelt nach sich zog: Gearbeitet wurde in der Stadt und innerhalb der engen Mauern die Restriktionen akzeptiert und weitergetragen; Erholung und Freizeit, freiheitliches Leben, fand dagegen außerhalb der Stadtmauern statt.

Ende des 18. Jhd. wurde es Mode, daß die wohlhabenderen Frankfurter Familien sich Gartenhäuser und Sommersitze vor den Toren Frankfurts zulegten. Häufig wurden dabei landwirtschaftliche Höfe aufgekauft und teilweise umfunktioniert, wie die Bansamühle, die agrarwirtschaftlich genutzt wurde, und deren Haupthaus als Palais ausgebaut wurde. Der Auszug aus der engen Stadt war gleichzeitig Ausbruch aus den engen Konventionen, denn vor der Stadt waren die Bürger ihren Verpflichtungen des Stadtbezirks enthoben.

Innerhalb Frankfurts wurden die Bürger bis in den privatesten Bereich hinein reglementiert: Was angezogen, gegessen und gelesen werden durfte, war vorgeschrieben. Außerhalb der Stadt bestimmte allein das finanzielle Vermögen, welche Freiheiten möglich waren. Möbel, Lebensmittel, Bücher, die legal nicht in die Stadt gebracht werden konnten, wurden in die Gartenhäuser gebracht, von auswärtigen Besuchern und Geschäftsfreunden erfuhr der Rat nichts. Gartenhäuser waren somit Orte der bürgerlich liberalen Ungebundenheit und ermöglichten ein freies Leben. Das Gartenhaus wurde im allgemeinen von der Familie bewohnt und war Mittelpunkt des privaten Lebens, Ort der Privatshpäre. In der Architektur der Gartenhäuser wurde der Anspruch nach einer Verbindung des Schönen mit dem Zweckmäßigen beachtet: Das praktische Bedürfnis nach Erholung in schöner Umgebung.

Auch die Bansamühle, eigentlich Löbersche Mühle, wurde im 18. Jahrhundert als Gartenhaus umgebaut, indem die Familien Schönemann und Bansa ihre Sommer verbrachten. Gebaut wurde die Mühle 1705 von dem Baumeister der Neu-Isenburger Stadtanlage, Andreas Löber. Löber hatte von Graf Johann Philipp von Isenburg den Auftrag erhalten, für die französischen Hugenotten, die als Flüchtlinge von dem Graf Asyl bekommen hatten, eine Stadt zu bauen. Löber selbst kaufte sich ganz in der Nähe „seiner“ Stadt ein Stück Land und errichtete eine Mühle im barocken Stil.

1712 starb Löber und die Mühle ging durch einige Hände, bis sie 1762 der Bankier Johann Wolfgang Schönemann, der Vater von Goethes späteren Verlobten Lilli, kaufte. 1766 erwarben die Brüder Johann Conrad und Johann Matthias Bansa die Mühle. Hier pflegten sie ihr Gesellschaftsleben und zu dem engeren Freundeskreis, der sich regelmäßig auf der Mühle traf, gehörten Goethes Mutter, die Familien Willemer, Brentano und Gontard. Zwar gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, daß Goethe je selbst auf der Bansamühle zu Gast war, aber sicher ist sie ihm nicht unbekannt gewesen, und die Freundschaft der Familien Goethe und Bansa wird in den Briefen der Eleophe Bansa (Ein Lebensbild in Briefen aus der Biedermeierzeit) oft betont. Es fällt also nicht schwer, sich vorzustellen, wie Goethe im Garten der Bansamühle gesessen haben mag, und ihm ein paar Zeilen für sein neues Drama eingefallen sind:

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.“

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