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Alexandria
von Bettina Stuckard

Neu-Isenburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Nahezu alle Häuser sind nach den Bombenangriffen beschädigt, viele zerstört worden. Es mangelt am Grundsätzlichen: Zuwenig Wohnraum, zuwenig Nahrungsmittel, zuwenig Kleidung. Es werden notdürftige Holzbaracken gezimmert, in denen die Menschen vorerst unterkommen. Es werden mühsame Versuche unternommen, den schlechten Böden einen geringen Ertrag abzuringen, um etwas Gemüse oder ein paar Kartoffeln zu bekommen. Es werden aus Vorhängen und alten Uniformen Wintermäntel genäht. Trotzdem sitzen in den provisorischen Schulzimmern unterernährte Kinder, frieren die Isenburger in ihren Notunterkünften.

In dieser Situation bekommt die Stadt unerwartete Hilfe: Ausgerechnet von den ehemaligen Kriegsgegnern, von den Amerikanern, wird ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen. Selbst von den Nachkriegwehen betroffen, schlossen sich amerikanische Bürger zusammen, sammelten Kleidung und Nahrungsmittel und schickten diese nach Deutschland. Care-Pakete und Kleidersäcke - an die Freude über diese Gaben daran erinnern sich noch einige der älteren Isenburger.

Ein Wille zur Hilfe kann nur dann umgesetzt werden, wenn die Organisationsstrukturen gut durchdacht sind. Auf amerikanischer Seite hatten sich mehrere große Wohlfahrtsverbände zusammengetan und einen Dachverband, den CRALOG gegründet. Die Anfangsbuchstaben stehen für Council of Relief Agencies Licensed for Operation Germany. Dieser Dachverband, mit Sitz in Berlin, koordinierte die nach Deutschland fließenden „Liebesgaben“, wie die Hilfsgüter genannt wurden, die die amerikanische Bürger spendeten. Auf deutscher Seite sorgte der „Deutsche Zentralausschuß für die Verteilung ausländischer Liebesgaben beim Länderrat“ dafür, daß die Hilfe an die richtigen Stellen weitergeleitet wurde. Das Hilfswerk der Ev. Kirche in Deutschland und der Landes-Caritas-Verband bildeten den Vorsitz des Deutschen Zentralausschusses.

Die Vermittlung der Hilfe erfolgte, indem sich eine amerikanische Stadt bereit erklärte, eine Patenschaft für eine deutsche Stadt zu übernehmen.
Am 20. Januar 1948 besuchten die Vertreter der CRALOG Neu-Isenburg: Dr. Owen J.C. Norem, Field Director und Vertreter für Deutschland, Mr. Kenneth B. Wentzel, Vertreter für Hessen. Bereits zuvor hatten sie einen Fotoband über Neu-Isenburg erhalten und waren über die Lage informiert worden. Gemeinsam mit Maj. Sheehan, Leiter der Landesmilitärregierung in Offenbach, Landrat Arnoul und Bürgermeister Bauer wurde die Patenschaft besprochen. Alle Beteiligten waren sich einig, daß es ihnen nicht nur auf die materielle Hilfe ankam, sondern auch darauf, daß menschliche Verbindungen zustande kämen und „durch eine solche Freundschaft zweier Städte in verschiedenen Ländern der wertvollste Beitrag zur Befriedung der Menschheit überhaupt getätigt wird“. So formulierte es der damalige Bürgermeister der Stadt Neu-Isenburg, Adolf Bauer, als sich ihm die Stadt Alexandria im Staate Minnesota vorstellte: Alexandria, damals nur halb so groß wie Neu-Isenburg, mit 7.000 Einwohnern, von denen 75% Protestanten, 25 % Katholiken und 75% deutscher oder skandinavischer Abstammung waren, mit wenig Industrie, aber gesunden Handwerks- und Handelsunternehmen.

In Alexandria wurden innerhalb kürzester Zeit 2,5 Tonnen guterhaltene Kleidung gesammelt. Allerdings sollte es ein gutes Jahr dauern, bis die Hilfslieferung in Neu-Isenburg ankamen, denn die vielen Zollbestimmungen nach dem Krieg und der durch die Militärregierung eingeschränkte Informationsfluß verzögerte die Weiterleitung. Um dem quälenden Warten vorzubeugen, entschied sich die Neu-Isenburger Stadtverwaltung dazu, die Bürgerinnen der Stadt vorerst nicht über die zu erwartenden Hilfsgütern zu informieren. Die Verteilung der Kleidung wurde den Isenburger Wohlfahrtsverbänden übertragen: Caritas, Inneren Mission, Arbeiterwohlfahrt, Rotes Kreuz und die Vertreter der städtischen Wohlfahrtsbehörde bildeten eine Komitee. Hier wurde bestimmt, wer Kleidung erhalten und in welcher Form die Verteilung vorgenommen werden sollte.

Am 21.12.1948 wurde das Eintreffen der Hilfslieferung aus Alexandria im Saal des Turnvereins gefeiert und die Spenden der Partnerstadt verteilt. Die Weihnachtsfeier wurde vom Philharmonischen Verein musikalisch gestaltetet; Vertreter der Hilfsorganisationen und amerikanische Gäste waren eingeladen, um das ganz besondere Weihnachtsgeschenk für die Isenburger Bürger entsprechend zu würdigen. In den kommenden Wochen konnten sich dann viele Familien über ihre „neuen“ Kleidungsstücke freuen.

Eine von ihnen war Gisela Elsinger, 14 Jahre alt, die mit ihrem Zwillingsbruder Rudi im Frühjahr zur Konfirmation gehen sollte. Der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft und die Mutter kam nur mühsam über die Runden. Sie war sehr froh, als sie von der „braunen Schwester“, Schwester Anna, auf das Kleiderlager alten Stadtbad aufmerksam gemacht wurde, wo die Kleidung aus Amerika zur Verteilung gelagert wurden. Ein dunkelblaues Chiffonkleid mit rosa Paspeln wurde für Gisela Elsinger als Vorstellungskleid ausgesucht, ein schwarzes Kleid mit weißen „Mäusezähnchen“ als Konfirmationskleid. Der Bruder bekam einen dunklen Anzug. „Ich war begeistert“ erinnert sich Gisela Bartsch, wie sie heute heißt. „Die Kleider waren tadellos, nur etwas angestaubt.“ Freundinnen kamen, um sich die Kleider anzusehen. Die Kleider aus Alexandria hat Gisela Bartsch auch deshalb so genau in Erinnerung, weil sie darin den Vater begrüßen konnte, der als Spätheimkehrer kurz vor ihrer Konfirmation im Frühjahr 1949 nach Hause kam.

Fünfzig Jahre sind seit dieser bewegten Zeit vergangen. Der Kontakt mit Alexandria ist nach einer zweiten Hilfslieferung, die 1951 eintraf und aus 1.682 Paar Schuhen bestand, eingeschlafen. Vielleicht waren die Isenburger während des Wiederaufbaus zu beschäftigt, um sich der Großzügigkeit Alexandrias erkenntlich zu zeigen; vielleicht waren keine privaten Kontakte zustande gekommen, wie dies ursprünglich von beiden Seiten erwünscht gewesen war - über die Gründe ist in den städtischen Akten nichts zu finden. Auch über die Menschen, die damals Kleidungsstücke in Empfang nehmen konnten, ist nichts bekannt, wenn es nicht glücklichen Umständen zu verdanken ist, daß einzelne sich zu Wort melden.

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