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Isenburger Wäscherinnen – Alltag im 19. Jht.
von Bettina Stuckard

Im 19. Jahrhundert war es für Frauen in bürgerlichen Kreisen unüblich, einer Lohnerwerbsarbeit nachzugehen. Ein Ehemann bzw. die Familie versorgte die Frau. Für Frauen aus unteren Schichten war Lohnarbeit dagegen für das Überleben unverzichtbar. Häufig wurden Mädchen bereits mit 13 Jahren „in Stellung“ gegeben und mußten als Dienstmädchen oder als Fabrikarbeiterin arbeiten. Die Arbeitsbereiche von Frauen entsprachen den Aufgaben, die von ihnen auch im Privaten erwartet wurden: Waschen, Putzen, Nähen, Kochen - in der Industrie wurden diese Beschäftigungen vor allem in der Textilindustrie und dem Reinigungsgewerbe geleistet.

Während es in Frankfurt im Zuge der Industrialisierung viele Fabriken gab, arbeiteten Frauen in Neu-Isenburg vor allem in einer der 76 Wäschereien, die 1897 existierten. Diese Wäschereien waren kleine Familienbetriebe, in denen bis zu sieben Angestellte beschäftigt waren. Insgesamt waren 208 Frauen als Wäscherinnen oder Büglerinnen angestellt. In den meisten Betrieben wurde gewaschen und gebügelt, so daß die Frauen viele Aufgaben hatten. Der Arbeitstag war lang, und es war keine Seltenheit, daß bis in die Nacht gearbeitet wurde. Da es keine festgelegte Arbeitszeiten gab, wurden Überstunden nicht bezahlt. Üblich waren Arbeitszeiten von 13 - 14 Stunden, für die die Wäscherinnen 1,20 Mark bis 1,30 Mark am Tag erhielten. Frauen verdienten im Vergleich zu Männern sehr schlecht: Das Gehalt eines Schreiners betrug 1902 am Tag zwischen 3,62 Mark und 5,70 Mark. Die Grundnahrungsmittel waren nicht billig:

ein Pfund Kartoffeln: 9 Pfennige
ein Pfund Brot: 15 Pfennige
ein Liter Milch: 20 Pfennige
ein Pfund Mehl: 18 Pfennige
ein Pfund Zucker: 27 Pfennige
ein Hering: 4 -5 Pfennige
ein Pfund Schweinefleisch: 1,02 Mark

Es kam vor, daß Frauen 18 Stunden am Stück beschäftigt wurden, und die Arbeit des nächsten Tages in der Nacht erledigt werden mußte. Der nächste Tag konnte von den Wäschereibesitzern dann - unbezahlt! - freigegeben werden. "Freie Kost" wurde den Arbeiterinnen in den Wäschereien gestellt. Häufig war das Essen jedoch von sehr schlechter Qualität. Hauptsächlich bestand es aus Kartoffeln und Butter, was beides rationiert ausgegeben wurde. Heringe gehörten ebenfalls zum Arme-Leute-Essen.

Eine Frau, die unter solchen Bedingungen arbeitete, stand vor dem Problem, daß sie auch noch Kinder, Ehemann und Haushalt versorgen mußte. Kinder hatten die meisten Arbeiterinnen. 6-12 Geburten waren die Regel, davon überlebte etwa die Hälfte der Kinder. Empfängnisverhütung wurde durch § 184 des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich, dem „Sittlichkeitspararaphen“, erschwert: Unsittlich, und somit strafbar, war, wer „Gegenstände, die zu unzüchtigem Gebrauche bestimmt sind, an Orten, welche dem Publikum zugänglich sind, ausstellt oder solche Gegenstände dem Publikum ankündigt oder anpreist.“ Zu diesen Gegenständen gehörten auch die Verhütungsmittel. Für Arbeiterfrauen waren empfängnisverhütende Mittel ohnehin viel zu teuer. Sie nahmen Abtreibungen in Kauf, die häufig als einzige Möglichkeit praktiziert wurden, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Reichte der Lohn des Mannes nicht aus, um einen eigenen Hausstand zu gründen, blieb es bei einem Liebesverhältnis zwischen Frau und Mann. Unverheiratete Mütter mußten in jedem Fall mit der Verachtung ihrer Umwelt leben. Die verheiratete Frau, die dazuverdienen mußte, um den Lebensunterhalt zu sichern, war unter Arbeiterinnen die Norm. In bürgerlichen Kreisen wurde eine Berufstätigkeit der Frau dagegen als unschicklich angesehen, bestenfalls überbrückte sie die Zeit zwischen Schule und Ehe mit einer kurzfristigen Erwerbstätigkeit.

Eine Neu-Isenburger Wäscherin hatte das Leben der Bürgersfrau stets vor Augen: Die feingestickte Wäsche der reichen Frankfurter Haushalte stapelte sich jeden Tag vor ihr auf. Der süße Duft frischer Wäsche verschaffte den Wäscherinnen ein saures Dasein. Zunächst wurde die schmutzige Wäsche von den Wäschewagen der Betriebe bei der Kundschaft in Frankfurt eingesammelt. Bis der Wäschewagen die gestärkte und gebügelte Wäsche dann wieder auslieferte, wurden viele Arbeitsgänge durchlaufen: Zunächst mußte die Wäsche in die Waschküche geschafft werden, in der ein heizbarer Waschkessel stand. Unter dem Kessel wurde ein Feuer entzündet, während die Lehrmädchen mit großen Karren Bottiche voll Wasser aus dem nahen Luderbach herankarrten. Die Wäsche wurde eingeweicht und schließlich in das kochende Wasser des Waschkessels gewuchtet. Mit großen Holzlöffeln wurde die Wäsche bewegt, dann wieder herausgenommen, auf Waschbrettern, den „Ruffeln“, bearbeitet und durch die Wringmaschine gedreht.

Nun mußte die Wäsche mehrfach ausgespült und wieder ausgewrungen werden. Dann wurde sie zum Bleichen auf die großen Bleichwiesen gebracht, die sich im Osten der Stadt an die Wiesenstraße anschlossen. Die Wäsche wurde auf der Wiese ausgebreitet, durch Begießen feucht gehalten und immer wieder gewendet, bis sie fleckenlos und strahlendweiß gebleicht war. Die „Isenburger Rasenbleiche“ wurde zum Gütezeichen der Stadt und die Bleichwiesen waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Die Wiesen um Neu-Isenburg waren feucht, weil die Lehmschichten im Boden das Regenwasser festhielten. Das weiche Wasser eignete sich besonders gut zum Wäschewaschen. Nur in Kelsterbach herrschten ähnlich ideale Zustände, so daß die Isenburger Wäschereien kaum Konkurrenz zu fürchten hatten. Die Abwässer der Wäschereien flossen zusammen mit allen anderen Abwässern wieder in den Luderbach: Ein ekelerregender Gestank war die Folge. Das Abwasserproblem wurde erst 1914 gelöst, als Neu-Isenburg seine Schmutzwässer in die Frankfurter Kanalisation leiten konnte.

Nach dem Waschen mußte die Wäsche zunächst gestärkt, dann gebügelt werden. Auf dem Bügelofen wurden dazu mehrere Bügeleisen erwärmt, so daß die Büglerinnen ununterbrochen beschäftigt waren. Die Arbeit wurde im Stehen verrichtet. Eine Arbeitsplatzbeschreibung für Bügeleien, die 1908 von der Frauenrechtlerin Henriette Fürth vorgestellt wurde, macht deutlich, wie anstrengend auch diese Arbeit gewesen sein muß:

Bügelei: nur für ältere, mindestens 17jährige und sehr kräftige Mädchen geeignet, allen anderen entschieden zu widerraten.
Arbeit: Stehend zu verrichten. Bügeln von Kleidern, Herren-, Damen- und Hauswäsche.
Lehrzeit: In einzelnen Betrieben keine. Dort Anfangsvergütung im 1. Jahr von 70 bis 80 Pf. pro Tag. Anderwärts wird für eine Lehrzeit, die 3-6 Monate dauert, ein Lehrgeld von 40 Mk. entrichtet. Nach dieser Zeit tritt Akkordarbeit ein.
Lohn: Anfangslohn im Akkord 9-10 Mk., im Wochenlohn 6 Mk., Durchschnittslohn 10 Mk. Höchstlohn (nur bei Schädigung der Gesundheit erreichbar) 18 Mk. wöchentlich.
Arbeitszeit: 10 bis 10 1/2 Stunden. Ueberarbeit nach Stundensatz entlohnt. In einzelnen Betrieben mit Wochenlohn keine Vergütung für Ueberstunden. In manchen Betrieben Verköstigung. Bügelofen meist mit Koks geheizt und im gleichen Raum aufgestellt. Gesundheitsgefahren sind vorhanden.

Eine junge Frau, die 1897 in einer Neu-Isenburger Wäscherei als Lehrmädchen arbeitete, hatte wenig Zeit für Vergnügungen. Tanzveranstaltungen am Wochenende bildeten eine Abwechslung in ihrem harten Leben: Hier bot sich ihr die Gelegenheit, Männer kennenzulernen. Turn-, Gesangs oder Schützenvereine blieben den Männern vorbehalten. Da nur ein Ehemann die drückende Situation der Frau erleichtern konnte - zumindest, wenn sich nicht allzuviele Kinder einstellten - war es für die unverheiratete Frau wichtig, gezielt für sich zu werben: Das Schönheitsideal des ausgehenden Jahrhunderts verlangte einen üppigen Busen, breite Hüften, Wespentaille, einen flachen Bauch und ein ausladendes Hinterteil. Ein Korsett ermöglichte die Formgebung der Figur und die Betonung der Geschlechtsmerkmale. Nahezu alle Frauen trugen um 1900 ein Korsett, obwohl selbst die einfachsten Ausführungen das Einkommen einer Arbeiterin überschritt. Wenn sie nicht auf die billige Fabrikware zurückgreifen konnten, nähten sie ihre Korsetts selbst. Schlecht sitzende Korsetts und starke Schnürungen hatten Leberschäden, Deformationen wie „Schnürfurchen“ und andere Gesundheitsschäden zur Folge. Das Korsett wurde über das Hemd und die im Schritt offene Hose gezogen, über das Korsett kam die Untertaille, ein oder zwei Unterröcke, gestrickte Strümpfe, das Kleid und die Schürze. Die Unterkleidung wog insgesamt etwa 3,5 Pfund.

Es bleibt offen, ob die Isenburger Wäscherinnen tatsächlich bei ihrer Arbeit die übliche Unterkleidung trugen, oder ob sie auf einige Kleidungsstücke verzichteten, um sich die Beweglichkeit bei der Arbeit zu erleichtern. Da die bürgerlichen Frauen jedoch Vorbild der einfacheren Frauen waren und Reformbewegungen von Frauenrechtlerinnen und Medizinern erfolglos blieben, muß letzteres bezweifelt werden. Die Kleidung der Arbeiterinnen bestand aus derben und leicht zu pflegenden Stoffen wie Baumwolle und Leinen. Das Sonntagskleid war aus dunklem Wollstoff, worauf Flecken nicht auffielen. Das „gute“ Kleid war häufig das Kleid, in dem eine Frau geheiratet hatte und das sie dann an den Feiertagen auftrug. Dementsprechend wurde in Schwarz geheiratet. Hygiene wurde aufgrund vieler Körpertabus, aber auch wegen der beengten Wohnverhältnisse, ungeheizter Räume, Zeitmangel und Armut klein geschrieben: Das Hemd, das oft gleichzeitig als Nachthemd diente, war so geschnitten, daß es einen großen Halsausschnitt hatte, um das Waschen zu erleichtern. Einen gutgefüllten Wäscheschrank, in dem die Wäsche für ein ganzes Leben als Mitgift in die Ehe gebracht wurde, konnten nur bessergestellte Frauen aufweisen. Die Arbeiterinnen waren froh, wenn sie überhaupt ein Hemd zum Wechseln im Schrank hatten.

Die Verhältnisse, in denen Frauen in Neu-Isenburg lebten, verbesserten sich erst durch die Reformen, die die Frauenrechtlerinnen durchsetzten. In Frankfurt wurden zahlreiche Vereine gegründet, in denen Frauen Hilfe angeboten wurde: Der Bund für Mutterschutz setzte sich für Entbindungsheime für ledige Mütter und Wohnheime für Mutter und Kind ein, es entstanden Beratungsstellen für Frauen, wie Frauenrechtsschutzstellen, im Verein Frauenbildung-Frauenstudium wurden Bildungsmöglichkeiten für Frauen eingefordert, ebenso im Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse, es wurde eine Frauenwohnungsgenossenschaft gegründet und vieles mehr. Der Streik der Wäscherinnen in Neu-Isenburg 1897, unterstützt von der bürgerlichen Frauenbewegung, ist ein entscheidender Schritt im Wandlungsprozeß zu einer freieren Gesellschaft gewesen.

Quellen:
Fogel, Heidi: "Neu-Isenburg auf dem Weg vom Dorf zur Stadt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert" Zum 100. Jahrestag der Stadterhebung Neu-Isenburgs am 21. August 1894. Magistrat der Stadt Neu-Isenburg. mt Druck Walter Thiele, Neu-Isenburg, 1994.

Junker, Almut; Stille, Eva: "Zur Geschichte der Unterwäsche 1700-1960" Kleine Schriften des Historischen Museums Frankfurt, Band 39. Hassmüller KG, Frankfurt, 1991.

Orland, Barbara: "Haushalts Träume. Ein Jahrhundert Technisierung und Rationalisierung im Haushalt" Arbeitsgemeinschaft Hauswirtschaft e.V. und Stiftung Verbraucherinstitut (Hrsg.). Robert Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein im Taunus, 1990.

Schmidt-Linsenhoff, Viktoria; Hoffmann, Detlef; Junker, Almut; Kübler, Sabine; Mattausch, Roswitha: "Frauenalltag und Frauenbewegung: 1890-1980" Katalog Hist. Museum Frankfurt a. M. - Basel:Stroemfeld; Frankfurt a. M.: Roter Stern, 1981.

Kleine Presse
13.4.1897, 16.4.1897, 18,4.1897, 22.4.1897, 27.4.1897, 2.5.1897, 8.5.1897, 9.5.1897, 11.5.1897, 13.5.1897, 16.5.1897, 19.5.1897, 21.5.1897, 22.5.1897, 27.5.1897, 5.6.1897, 6.6.1897.

Neu-Isenburger Anzeigeblatt
24.6.1896, 5.9.1896, 19.9.1896, 14.4.1897, 17.4.1897, 28.4.1897, 1.5.1897, 12.5.1897, 26.5.1897, 29.5.1897, 5.6.1897. August Koch, Neu-Isenburg.

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