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Die Rechtslage der Hugenotten
von Michelle Magdaleine

Eine der Originalitäten des französischen Protestantismus steckt in ihren Ursprüngen. Im Gegensatz zu vielen Ländern ist er nicht von einem König aufgedrängt worden, einem Prinz oder einem Magistrat, aber er hat sich entsprechend den Predigten entwickelt, die hier und dort von Priestern und von Mönchen gehalten wurden, die sich dem zuwandten was man die „evangelische Bewegung“genannt hat. Einerseits „Evangelisten“, die die Rückkehr zum Evangelium anpreisen, aber, die, in der Mehrzahl, die römische Kirche nicht verlassen werden, wie Érasme von Rotterdam, der Bischof von Meaux Guillaume Briçonnet, Jacques Lefèvre von Étaples, der das neue Testament auf französisch in 1523 übersetzt. Das mißfällt sehr in der Sorbonne (die theologische Fakultät der Universität von Paris), die bereits als häretisch die Werke von Luther verurteilt hatte.

Ein Prozeß wird gegen Briçonnet angestrengt, und gegen die, die ihn umgeben. Sie müssen sich zerstreuen und das Parlament (dieses Wort bedeutet in dieser Zeit in Frankreich « Gerichtshof » und das Parlament in Paris ist der Staatsgerichtshof) läßt alle Übersetzungen der Heiligen Schrift auf französisch untersagen. Andererseits gibt es die „schismatischen Evangelisten“, von denen Martin Luther der wichtigste ist. Seine von 1524 an auf französisch übersetzten Schriftstücke verkehren heimlich, aber der Einfluß von anderen Reformatoren, Martin Bucer und Huldrich Zwingli wird auch sehr stark.

Diese „Häretiker“ gehören besonders zur sozialen Elite: Geistliche, Schulmeister, Studenten, Juristen, Drucker und Arbeiter des Buches, Handwerker des Textils und des Leders, Händler. Breitere Schichten sind dank der mündlichen Übertragung durch Prediger und Schulmeister gewonnen worden. Somit wurden in den Jahren 1530 hat die Dissidenten besonders in den Städten rekrutiert, daher eine Mehrheit von Handwerkern in ihren Reihen. Die Familieneinflüsse und die von Lehnsherren auf Bauern, usw.… haben auch eine Rolle gespielt. Das erklärt, daß die Reform sich in Frankreich sehr unregelmäßig verbreitet hat, und daß in den meisten Familien, katholisch gebliebene und andere protestantisch gewordene Familienmitglieder gleichzeitig vorhanden sind, oft die Frauen im übrigen; in der Tat wenigstens zu Beginn der calvinistische Reformation haben sie dort einen neuen Freiheitsraum gefunden.

Die kirchlichen Behörden, die Sorbonne und das Parlament bekämpfen von Anfang an die „Ketzer“, während König Francois Ier zunächst den Evangelisten der Umgebung von Lefèvre von Étaples geneigt ist. Leider ist es in 1534 eine Folge der « Placards » – kleine Plakate, die überall bis in den königlichen Appartements in Blois angeschlagen sind und scharf die Messe angreifen – dass seine Einstellung sich ändert, denn Ketzer erscheinen als Gotteslästerer und Störenfriede der öffentlichen Ordnung.

Diese Häretiker reagieren in verschiedener Art und Weise auf die Verfolgung. Einige haben ihre Heimat verlassen insbesondere nach Straßburg; andere riskieren den Tod, indem sie predigen, indem sie verbotene Bücher besitzen, oder indem sie die „papistischen“ Praktiken ablehnen, andere haben noch eine doppelte Praxis, die heimlichen Sitzungen, aber auch die katholischen Praktiken wie die Taufe, ohne die es keine legale Existenz gibt, die Ehe, die Bestattungen, die Beichte und einmal pro Jahr das Abendmahl.
Aber der Einfluß von Calvin setzt dieser doppelten religiösen Praxis ein Ende in den Jahren 1540-1550. Ab 1555 „entstehen“ nach dem Modell von Genf die ersten reformierten Kirchen und, in 1559, geben sich diese Kirchen ein Glaubenbekenntnis und eine Kirchenordnung.

Trotz der harten Repression, hat die „neue Religion“ zwischen den Jahren 1555 und 1562 einen großen Erfolg und man rechnet etwa 2.000 reformierte Kirchen in 1562, für 1,5 bis 2 Millionen Reformierte (ungefähr 11% der Bevölkerung).
Neben den Bevölkerungsschichten, die zu den ersten Evangelisten schon gehörten, treten Adelsfamilien, wie die Bourbon, Vetter des Königs, die Châtillon, die Rohan, Magistratsbeamte, Rechtsanwälte, Notare, der Reformation bei. Dank dieser Entwicklung verlassen die Reformierten die Heimlichkeit und politisieren sich; sie hoffen auf eine gesetzliche Anerkennung und vielleicht sogar die Eroberung des Staats. Das scheitert, aber die Königin Catherine de Médicis, (Regentin geworden nach dem Tod von ihrem Sohn François II), versucht, Katholiken und Protestanten zu versöhnen.

Sie organisiert in 1561, mit dem Kanzler Michel de l' Hospital das Gespräch von Poissy, aber vergeblich. Im Januar 1562 unterschreibt sie ein Edikt, das, zum erstenmal, die neue Religion anerkennt. Wütende Katholiken greifen die in Wassy versammelten Reformierten an und massakrieren sie 1562. Der Prinz von Condé greift zu den Waffen im April. Das ist der Anfang der Religionskriege, die das Königreich während mehr als dreißig Jahren mit Blut beflecktet haben. Jedoch sogar während der härtesten brudermörderischen Kämpfe, versuchten Catherine de Médicis und ihre Söhne, die Könige François II., Charles IX., Heinri III., den Frieden wieder herzustellen, Befriedungsedikte verkündend oder sich mit den politischen Versammlungen der Hugenoten befassend: das Edikt von Amboise 1563, den Frieden von Saint-Germain 1570, und trotz des Massakers der Bartholomäusnacht in 1572 und der Wiederaufnahme der Kriege, den Vertrag von Beaulieu 1576. Aber alle diese Versuche bleiben ohne Erfolg. Man muß auf die Thronbesteigung von Henri IV warten, damit der Zivilfrieden schliesslich wieder hergestellt wird.

Henri de Navarre, der nach der Ordnung männlicher Erstgeburt, die das Gesetz ist, das die Erbfolge für den Thron von Frankreich reguliert, auf Henri III gefolgt ist, der 1589 ermordet wurde. Da er ein Vetter des verstorbenen Königs ist, ist er auch protestantisch, was die katholische Geistlichkeit, ein grosser Teil der Landesherren ablehnen und auch ein grosser Teil von der Bevölkerung ablehnen. Er muß also sein Königreich erobern aber auch eine Lösung finden, um den Zivilfrieden wieder herzustellen.

Seine erste Handlung in diesem Sinne ist seine Abschwörung 1593 und seine Krönung in Chartres 1594. Er zieht triumphierend in Paris einige Tage später ein. Andererseits schlägt er die spanische Armee, die in einen Teil von Frankreich eingedrungen war und schreibt Philippe II den Frieden von Vervins am 2. Mai 1598 vor: die spanischen Truppen müssen das Königreich verlassen.
Zur gleichen Zeit wie den Aussenfrieden will Henri IV den Binnenfrieden wieder herstellen. Dafür muss er den reformierten Gemeinden schnell einen Status geben. Aus diesem Grund drängt er seinen durch die Religion geteilten Untertanen einen politischen Kompromiss auf: das Edikt von Nantes.

Wie die früheren Friedensstiftungsedikte, etabliert das Edikt von Nantes die katholische Religion als die offizielle Religion des Königreichs und richtet Freiheitsräume für den Protestantismus ein. Außer der Gewissensfreiheit, gewährt es in der Tat den Reformierten Religionsfreiheit, aber begrenzt auf bestimmte Orte: bei gewissen wichtigen Standesherren, in den Städten, wo der reformierte Gottesdienst noch gefeiert wurde, in den Vororten von einigen Städten (mit Sonderbedingungen, die Paris und seinen Vorort und die Güter einiger Standesherren betreffen).

Auch wird den Reformierten die Gleichheit garantiert bei Zugang zu den öffentlichen Diensten und Ämtern und die Gleichheit vor der Justiz bei der Institution spezieller Gerichtskammern, die zur Hälfte aus protestantischen und katholische Magistraten zusammengesetzt sind, die mehreren Parlamenten beigefügt wurden. Schließlich werden etwa hundert Festungen, die noch in den Händen der Reformierten sind, ihnen für eine Periode von acht Jahren als „Sicherheitsfestungen“ gelassen, für die Zeit bis der Frieden sich als dauerhaft erweist.

Ebenso haben sie das Recht, alle Berufe auszuüben, und können in den Gymnasien, den Universitäten, und den Krankenhäusern der Katholiken aufgenommen werden. Aber sie können auch Grundschulen gründen, Gymnasien und Akademien (es ist die Bezeichnung, die den protestantischen Universitäten von Saumur, Nîmes, Die und Sedan gegeben wurde) Sie können auch Kolloquien und provinzielle und nationale Synoden abhalten, wo kollegial die Entscheidungen über die Gemeinden getroffen werden, denn im französischen Protestantismus, hat keine Gemeinde ein Vorrecht über die anderen, es gibt keine Hierarchie.
Jedoch müssen sie die katholischen religiösen Feste respektieren, den Zehnten zahlen (Steuer für die katholischen Priester), sich der katholischen Gesetzgebung im Ehebereich anpassen.

Damit ein Edikt rechtsgültig ist, muß er in Frankreich von den Parlamenten registriert werden, die darauf achten, daß es nicht gegen schon bestehende Gesetze verstößt. Von den Parlamenten hat das von Paris sich bis 1599 widersetzt, denn es fand das Edikt zu günstig für die Protestanten. Aber sobald das Edikt registriert ist wird es unter der Kontrolle gemischter Kommissionen angewendet (jeweils ein katholischer und ein reformierter Kommissar), die in die Provinzen entsandt wurden.

Mit dem Edikt von Nantes ist die reformierte Minderheit rechtlich anerkannt, aber auch geographisch eingeschränkt, festgelegt auf den Status der Minderheit und sogar sehr reduzierter Minderheit. In der Tat, erlebt man im letzten Viertel des XVIè Jahrhundert einen massiven Rückgang der reformierten Gemeinden. Die Kriege, die Verfolgungen, die Rückkehr des Königs zur Religion seiner Vorfahren, all das hat eine Rolle gespielt, aber noch mehr das Scheitern bei der Eroberung der Macht, das bedeutet den Mißerfolg der Reformation in Frankreich. Dennoch konnte diese reformierte Minderheit ihre Identität verstärken.

Die R.P.R.(die sogennante reformierte Religion) profitiert von bestimmten Privilegien wie dem Recht auf Sicherheitsfestungen und politische Versammlungen, die unter anderem das Anrecht auf zwei Abgeordnete der Kirchen haben, die beauftragt wurden, dem König Bittschriften und Beschwerden vorzustellen. Nach dem Mord von Henri IV sind die Reformierten beunruhigt und einige bereiten sich sogar auf die Konfrontierung mit der königlichen Macht vor. Und das geschieht tatsächlich im Südwesten des Königreichs unter dem Kommando von Rohan und später von Soubise. Der Koenig und sein Minister Richelieu beschliessen daraufhin , mit diesem "Staat im Staat", den die Protestanten bilden, ein Ende zu machen. Ab 1623 müssen die Synoden in Anwesenheit eines Kommissars des Königs abgehalten werden ; in 1626 werden die politischen Versammlungen abgeschafft. Schließlich wird nach den Belagerungen von La Rochelle und von Privas den Reformierten der Gnadenfrieden « la paix de grâce » von Alès aufgezwungen. Obwohl das Edikt von Nantes bestätigt wird, sind die Reformierten besiegt und entwaffnet.

Nach der Entwaffnung der Reformierten, wollen der König und sein Minister Richelieu sie mit der katholischen Kirche vereinigen, weil sie die religiöse Einheit als Zement der politischen Einheit ansehen. Der Kardinal führt dann zwei parallele Politiken: einerseits ermutigt er die Projekte einer Wiedervereinigung der Kirchen, andererseits ergreift er punktuelle Maßnahmen gegen die Rechte und Freiheiten der Protestanten was die Parlamente bereits begonnen hatten, indem sie Gottesdienste und Schulen unter dem Vorwand von Verstößen gegen das Edikt von Nantes abgeschafft hatten. Der Kardinal läßt sich jedoch nicht von den Versammlungen des katholischen Klerus überzeugen, die den König zu einer strikten Anwendung des Ediktes drängen wollen. Er hält stand, verfolgt den Kampf gegen Habsburg, in dem die Reformierte eine Stütze sind. Mazarin sein Nachfolger ab 1643, der auch durch den Krieg gegen den Kaiser und Spanien und die Allianz mit England beschäftigt wurde, lässt die Hugenoten in Ruhe. In 1652 bestätigt Louis XIV sogar feierlich das Edikt von Nantes und er lobt die Reformierten für ihre „Zuneigung und Treue“ während der « Fronde » (Kampf der Parlamente und der Prinzen gegen die königliche Macht ).
Aber diese Ruheperiode ist von kurzer Dauer, der Pyrenäenfrieden der mit Spanien erlaubt, konkretere Maßnahmen gegen die R.P.R. zu ergreifen, selbst wenn ein letztes Mal in 1659 das Abhalten einer nationalen Synode in Loudun erlaubt ist.
Der König, immer vom katholischen Klerus angetrieben unternimmt ab 1661 eine Politik von Einschränkungen bezüglich des Ediktes, was man « l’application de l’édit à la rigueur » (Strenge Anwendung des Ediktes) nennt, um die Häresie zu unterdrücken. Er wendet im Wechsel gleichzeitig friedliche rechtliche oder gewaltsame Massnahmen an.

Die friedlichen Massnahmen sind jene der Glaubensveränderung, die in den Jahren 1670-1680 neue Impulse insbesondere dank den Jansenisten und Bossuet, Bischof von Meaux, erhalten haben,. Aber daneben spielen die Versammlungen des Klerus und die Parlamente bei der Politik der Einschränkung bezüglich der Rechte der Reformierten durch das Recht weiterhin eine wirksame Rolle.
Nach und nach wird eine anti protestantische Gesetzgebung eingeführt, die das Edikt von Henri IV wirkungslos gemacht hat : eine ununterbrochene Folge von Verordnungen des Rates des Königs und königlicher Bekanntmachungen ungefähr 75 von 1661 bis 1668 und noch etwa hundert von 1679 bis 1685.
Alle Errungenschaften des Ediktes von Nantes werden wieder in Frage gestellt: die Religionsausübung der R.P.R., der Zugang zu den Ämtern und zu den unterschiedlichen Berufen, die Gewissensfreiheit selbst.

Was die Abschaffung des Rechtes auf Ausübung des Gottesdienstes betrifft war die Wirksamkeit der Ausschüsse und des Rates des Königs nicht zweifelhaft: auf den etwa 700 Gemeinden, die in 1660 bestehen, werden mehr als 250 in fünf Jahren offiziell abgeschafft. Die Gymnasien und Grundschulen werden verboten, auch die Akademien. Die Reformierten werden auch nach und nach von den städtischen und gerichtlichen Funktionen ausgeschlossen. Aus allen Ämtern vertriebene Juristen werden Rechtsanwälte, aber auch dieser Beruf wird ihnen verboten (Juli 1685). Ebenso werden den Mitgliedern der R.P.R zum Beispiel die Gesundheitsberufe (Juni 1685) und jene des Buchdruckerei (Juli 1685) verschlossen.
Die Gewissensfreiheit gibt es nicht mehr. Konversionen zur R.P.R. sind verboten. Kinder können der Autorität der Eltern entzogen und bei einem katholischen Verwandten oder in einem Kloster untergebracht werden.

Die Hugenotten appellieren an die Gerichte, gelegentlich mit Erfolg. Aber kein legaler oder illegaler Widerstand kann das Vereinigungsprojekt des Königs aufhalten. Die zwangsweise Einquartierung von Dragonen bei den Reformierten verbreitet Schrecken und führt zu Abschwörungen. Die Delegierten des Königs senden triumphierende Nachrichten an den Hof. Schliesslich widerruft der König das unwirksam gewordene Edikt von Nantes. Er unterschreibt im Oktober 1685 das Edikt von Fontainebleau, welches offiziell das Ende der R.P.R. bedeutet.

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