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GHK Sternwarte
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Bombenteppich über dem Buchenbusch
von Werner Krause

Zeitzeuge Werner Krause, Jahrgang 1935, war Teilnehmer einer Veranstaltung des GHK und der ev.-ref. Gemeinde am Marktplatz am 20. Dezember 2003, unter dem Titel "Die Neu-Isenburger Schreckensnacht". Sie erinnerte an den Bombenangriff am 20. Dezember 1943, als Neu-Isenburg zu über 40 Prozent zerstört wurde. Werner Krause erlebte sechs Wochen später einen weiteren Bombenangriff, über den er hier berichtet.

Wir hatten den schweren Luftangriff auf Neu-Isenburg am 20. Dezember 1943 überlebt. Unser Haus war unbewohnbar. Anfang des Jahres 1944 bekam mein Vater Sonderurlaub. Es war dies das letzte Mal dass ich meinen Vater sah. Er ist 1945 in Pommern gefallen. Aus allerlei zusammen gesuchtem Material wurde ein Schuppen gebaut, in dem wir einige unbeschädigt gebliebene Habseligkeiten abstellten.
Dann kam der 29. Januar 1944. Der Angriff war kurz aber heftig. Wir saßen im Lärchenweg im Keller. Ein Bombenteppich ging wie ein Hagelschauer über der Buchenbuschsiedlung und dem Wald in Richtung Sprendlingen nieder.

So nahe und in so schneller Folge der Einschläge hatten wir den Angriff im Dezember 1943 nicht empfunden. Nach dem Angriff gingen wir hinaus in den Garten. Die Luft war voller Staub, sodass man glauben konnte es sei Nebel. Und in diesem Staub schwirrten Bienen ziellos umher. Familie Marx hatte im Garten einige Bienenstöcke. Das erste was meine Mutter sagte, als ob es nichts Wichtigeres gäbe: „Frau Marx ihre Bienen!“

Als sich der Nebel gelichtet hatte, eilten wir zu unserem Grundstück im Ahornweg, um dort nachzusehen. Der Schuppen, den mein Vater und mein Onkel Anfang des Monats gebaut hatten, war verschwunden. Ein tiefer Krater war an seiner Stelle.
Ein paar Häuser weiter waren Nachbarn dabei vor dem Haus zu graben. Eine Bombe war außerhalb des Hauses neben der Kellerwand explodiert und hatte diese nach innen gedrückt. Zwei Frauen mit ihren Kindern und der Sohn der Hausbesitzer waren tot. Besonders tragisch war es, dass die Häuser der beiden Nachbarinnen, die mit ihren Kindern hier Zuflucht gesucht hatten, unbeschädigt geblieben waren.

Der Selbsterhaltungstrieb hatte uns damals gelehrt die Angst teilweise zu verdrängen und hatte uns gegenüber all dem Leid und Schrecken abgestumpft. Dennoch zählt das folgende Erlebnis für mich zu den traurigsten Erinnerungen an den Krieg:
Man war noch mit Aufräumarbeiten, nach der Bergung der Toten, beschäftigt. Plötzlich schien die Szene einzufrieren, als einer sagte: „Der Willy kommt!“. Wir starrten gebannt zum Ende der Straße und sahen unseren Friseur Willy Fischer. Wenn ich heute versuche ich mich in diesen Mann zu versetzen, bin ich immer wieder erschüttert. Er kommt in seine Straße, sieht dass am Nachbarhaus etwas passiert ist aber sein Haus ist unbeschädigt geblieben. Gott Lob, seiner Familie ist nichts geschehen. Er kommt näher und einer hat den Mut ihm zu sagen, dass er Frau und Tochter verloren hat. Und dann sehe ich wie dieser Mann an der Schulter meiner Mutter weint und immer nur sagt: „Gretel, das tut ja so weh, das tut ja so weh!“

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