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Geschichte kinderleicht und unterhaltsam erzählt


 

Alarm nach Mitternacht
von Heinz Schickedanz

Zeitzeuge Heinz Schickedanz, Jahrgang 1931, kennt die Schrecken des zweiten Weltkrieges. Besonders die der Bombenangriffe auf seine Heimatstadt Neu-Isenburg. Er erlebte viel Leidvolles, aber ab und zu gab es auch Episoden, die einer gewissen Komik nicht entbehrten.

Das kärgliche Abendessen war verzehrt. Aus dem Volksempfänger, den mein Vater kurz vor seiner Einberufung zur Wehrmacht im Dezember 1939 für 35 Reichsmark gekauft hatte, gab es die üblichen Siegesmeldungen und Durchhalteparolen. 1944 zogen sie nicht mehr. Die Menschen standen unter dem Schock der Bombenangriffe und versuchten nur noch zu überleben, was nicht immer leicht fiel.

Was die Erwachsenen besonders nervte und mürbe machten, waren die immer wieder aufheulenden Sirenen, die keinen geordneten Tagesablauf mehr zuließen. Wir Jungens sahen es anders. Voralarm am Vormittag bedeutete keine oder kaum Schule. Abends oder nachts ignorierte ich den Voralarm und stellte mich schlafend. So war es auch irgendwann im Februar 1944. Kurz nach Mitternacht heulten die Sirenen. Ich rührte mich nicht. Meine Mutter sprang aus dem Bett und zog sich flugs an. Zum Schutz gegen die Nachtkälte trug sie bei Fliegeralarm eine Trainingshose meines Vaters. Aus halb geschlossenen Augen sah ich wie sie immer wieder an der etwas weiten Hose „herum wurschtelte“ und versuchte ihre Kleidungsstücke unterzubringen.

Als es plötzlich Vollalarm gab, machte sie einen Schritt nach vorne und riss den gesamten Fenstervorhang herunter. Als ich trotz erster platzender Flakgranaten laut zu lachen begann, hielt sie einen Augenblick inne und lachte dann mit. Was war geschehen? Sie hatte in der Eile des Anziehens den lang herunter hängenden Vorhang erwischt, ihn mit in die Trainingshose gesteckt und damit den „Lacherfolg“ heraufbeschworen.

Der Alarm ging diesmal folgenlos vorüber. Nach einer guten Stunde im Luftschutzkeller, wo Mutter ihr „Pech“ schilderte und alle schmunzelten oder hellauf lachten und für einen kurzen Augenblick die Gefahr in der wir immer schwebten vergaßen, ging es wieder in die Wohnung, wo wir bis zum Wecken durchschliefen.

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