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Frau Musicas Geschichte
von Hans Pfaff

Vortrag von Hans Pfaff am 21.09.2003 anlässlich unserer Veranstaltung im Kirchgarten am Marktplatz.

Wir sind heute bei der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde am Marktplatz zu Gast. Lassen Sie mich deshalb mit der Musikgeschichte dieser Gemeinde beginnen. Sie ist teils erfreulich, teils tragisch, teils erhaben, teils deprimierend. Ich bemühe dazu meine Erinnerung und einige Quellen.

Bereits im Jahre 1812 wurde uns vom Vorhandensein einer Orgel berichtet. Das ist umso erstaunlicher, da wir wissen, dass diese Gemeinde alles andere als vermögend war. Gut fünfzig Jahre später, 1877, kaufte man bei Vogt aus Igstadt eine 13-registrige Orgel für 3.600 Mark. Gemessen an heutigen Verhältnissen entspräche das einem Anschaffungspreis von ca. 100.000 €. Es wird daraus ersichtlich, was den relativ armen Leuten das Lob Gottes wert war. 1909 wurde dann von der Firma Walcker eine Orgel mit 40 Registern auf 3 Manualen und Pedal in der erheblich erweiterten Kirche aufgestellt, die zwischen Frankfurt und Darmstadt größte Orgel. Die Initiatoren waren der damalige Pfarrer Illert und ein Lehrer Wolf, damals bekannt als erstrangiger Bachinterpret. Das Instrument hatte leider eintraurige Schicksal:

1942 erlitt es erheblichen Schaden durch Brandbomben, konnte aber im gleichen Jahr repariert und um 7 Register auf einer Seitenpore erweitert werden und bekam zusätzlich einen 4-manualigen Zentralspieltisch. Die Freude währte nur bis zum 21.12.1943. Beim damaligen Bombenangriff kam es zum Totalverlust von Kirche und Orgel. Der Organist, Herr Chambert, stand laut weinend vor den Trümmern seiner Wirkungsstätte. 1953 erstellte die Firma Walcker ein kleines Serieninstrument als Übergangslösung. Inzwischen stehen beachtliche Orgeln in anderen Neu-Isenburger Kirchen: eine Orgel von Jürgen Arendt in der Johannesgemeinde, von Dieter Nöske in der Buchenbuschgemeinde, von Hugo Mayer in St. Josef. Die Vorgängerorgeln in St. Josef waren eine kleine Orgel von Hoforgelbauer Keller aus Limburg (1877), gefolgt von einem sehr starken Verschleiß ausgesetztem Instrument der Firma Wagenbach (ca.1960). Die Marktplatzgemeinde sitzt noch immer auf ihrer Übergangslösung.

Natürlich gab es schon sehr früh einen Kirchenchor. Über seine älteste Geschichte liegen mir keine Informationen vor. Im späten 19. Jahrhundert formiert sich der Kirchenchor auf Vereinsbasis. Eine liturgische Funktion hatte er im Gottesdienst der reformierten Gemeinde nicht. Sein Repertoire beschränkte sich auf Kirchenliedbearbeitungen, Psalmvertonungen und gängige Hits wie „Himmelrühmen“ von Beethoven, „Heilig, heilig“ von Franz Schubert, „Dies ist der Tag des Herrn“ von Silcher und ähnliche romantisch orientierte Stücke. Drei Leiter möchte ich Ihnen nennen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert den Chor geleitet haben: Heinrich Leichter, der bereits erwähnte Herr Chambert und Heinrich Klenk. – Eine stilistische Wende trat ein, als Ende der 40er Jahre Kantor Emanuel Lenz die kirchenmusikalische Arbeit übernahm. Bachchoräle wurden gesungen, Sätze von Schütz, Schein und Scheidt und ähnliches. Der Chor wuchs und nannte sich evangelische Singakademie. Ziel war das große klassische Kirchenmusikrepertoire.

Ermutigt durch kapitalkräftige Sponsoren vollzogen dann Chor und Chorleiter die Trennung von der Kirchengemeinde. Wer konnte bei den freundlich wirkenden Ressourcen schon widerstehen? Für den Kirchendienst blieb nur ein schwaches Häuflein übrig. Dem so entstandenen Singakademie e.V. blieb aber auch keine allzu lange Lebensdauer. Immerhin, man sang Bachkantaten, da Weihnachtsoratorium, Die Schöpfung, die Jahreszeiten. Trotz aller Querelen – Emanuel Lenz bleibt ein Meilenstein in der Isenburger Musikgeschichte ebenso wie der für mich und viele unvergessene Heinrich Leichter, dessen Leistung ich später würdigen möchte.

In der katholischen Kirche bestand seit 1881 der Cäcilien- und Männerverein, Vorläufer des heute gemischten Chores St. Cäcilia. In der Nachkriegszeit wurde er geleitet von Heinirch Höhner, Musikdirektor, Bäckersohn aus Bad Vilbel, der auch vorübergehend Musiklehrer am alten Goethegymnasium war und dort mit großer Hingabe einen Schulchor gründete und leitete, von uns Schülern liebevoll „Chorschorsch“ genannt.

Das gesellschaftliche Leben in Neu-Isenburg des 19. Jahrhundert wurde ganz wesentlich durch die Vereine geprägt. Der älteste Verein war ein Gesangverein, der Singverein von 1832. Weitere Gesangvereine folgten: 1834 Frohsinn, 1862 – Kümmelquartett und Eintracht, 1904 – Sängerkranz. 1912 nochmals Eintracht, 1921 erfolgte die Vereinigung von Sängergruß und Kümmelquartett. Der Gesang rangiert bis zur Jahrhundertwende vor dem Sport. „Stadt der 1000 Sänger“ nannte der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb Neu-Isenburg in einem Festvortrag anlässlich des 250jährigen Jubiläums der Stadt. Einige der Vereine wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts politisch instrumentalisiert, was nicht zu einem gedeihlichen Miteinander beitrug.

Aus Neu-Isenburg stammen namhafte Gesangssolisten von internationalem Rang: Franz Völker, Anny Schlemm, Wilhelm Lang. Von Franz Völker erzählt man, dass er in jungen Jahren einmal mit einigen Kameraden heimlich das Klavier der Neu-Isenburger Pianistin Frau Röhl, genannt „Tante Röhl“, auf den „Eierhüwwel“ im Stadtwald transportiert hat, um dort einrauschendes Fest zu feiern.

Einige Worte zu den Instrumentalensembles der Vergangenheit in Neu-Isenburg. Die Gegenwart möchte und kann ich nicht bewerten. Da steht an erster Stelle der „Philharmonische Verein“, der auf Initiative von Heinrich Leichter 1912 gegründet wurde. Herr Leichter war Orchestergeiger aus der Schule von Professor Bassermann, aus der auch Paul Hindemith hervorging. Er scharte Verwandte, Bekannte, Kollegen, Schüler um sich und gründete ein kleines Sinfonieorchester von beachtlichem Niveau in enger Zusammenarbeit mit Kirchenchor. Man spielte Symphonien und Ouvertüren von Hydn, Beethoven, Mozart, Schubert, Rossini, Weber, Strauß, Lehár u.a. Gleichzeitig etwa formierte sich die Feuerwehrkapelle, ein Blasorchester, unter der Leitung des großherzoglichen Militärkapellmeisters Mathias Weber. Eine ganz Reihe der Bläser wirkte mit großer Freude im „Philharmonischen Verein“ bei Heinrich Leichter mit, eine äußerst fruchtbare Symbiose. Durch seinen Kontakt zu den Familien seiner Schüler organisierte Heinrich Leichter zahlreiche Kammer- und Hauskonzerte in Neu-Isenburg. Eine große Schülerzahl ist durch seine „Hände“ gegangen. Mein Vater war auch dabei.

Emanuel Lenz hat nach dem 2. Weltkrieg versucht, das Leichter`sche Erbe weiterzuführen. Die Bindung des Philharmonischen Vereins an die Intentionen der musikalischen und der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung mit dem Schwerpunkt Barockmusik ist ihm leider nicht gelungen. Sie scheiterte letztlich an der Unbeweglichkeit der alten Vereinsmitglieder. Nachwuchs blieb aus. Vergebliche Rettungsversuche (leider in die falsche Richtung) machten Heinrich von Stein und Kapellmeister Hans Müller. Dann ging dieses einst so blühende Gewächs ein, übrigens ebenso die Feuerwehrkapelle. Zu erwähnen wäre noch der Mandolinen verein „Spessartfreunde“ von 1923.

Wenden wir uns abschließend noch einigen Kleinaktivitäten zu, die zur Gründung verschiedener Tanz- und Unterhaltungskapellen führten, deren Existenz aber weniger eine ideellen als einen merkantilen Hintergrund hatte. Die erste Kapelle dieser Art wurde 1884 gegründet und bestand aus 7 Mann in abenteuerlicher Besetzung: 2 Geigen, 2 Trompeten, 1 Flöte, 1 Klarinette, ein 3-seitiger Schrammelbass. Kapellen dieser Art spielten nach dem ersten Weltkrieg beim Stummfilm. Abenteuerliche Besetzungen hatten auch die nach dem zweiten Weltkrieg gegründeten Ensembles: die Kapellen von Hans und Karl Delrieux, Wilhelm Schickedanz und Franz Ackermann, der auch eine kleine Jugendband beim GYA gründete und leitete. Wirkungsstätten dieser Musikanten waren: Frankfurter Haus, Deutsches Haus, Café Wilcke-Wessinger, Café Marck, Gaststätte Grävenecker, Turnverein, Turngemeinde und Rhein-Main. Gespielt wurde zur Unterhaltung, bei Tanzveranstaltungen und sogenannten „akademischen Feiern“ anlässlich irgendwelcher Jubiläen. Das waren teils recht einträgliche Nebenjobs, von denen ich als Student auch profitieren konnte.

Quellennachweis: Karl Passet, Neu-Isenburg in alten Bildern (S.54); Heidi Fogel, Neu-Isenburg auf dem Weg vom Dorf zur Stadt (S.227 ff)

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